Einordnung
Jedes Siegel beantwortet eine andere Frage. GOTS und der Global Recycled Standard sagen etwas über die Lieferkette, OEKO-TEX Standard 100 über Schadstoffe im fertigen Textil, Fair Wear über den Umgang einer Marke mit ihren Nähereien. Willst du daraus eine Aussage gegenüber deinen eigenen Kunden machen, brauchst du den Nachweis für deine Lieferung. Das Zertifikat des Anbieters allein reicht dafür nicht.
Du findest einen Anbieter, der auf seiner Website mit GOTS wirbt. Klingt gut. Die Frage ist, was das belegt. Ein Zertifikat ist eine Aussage darüber, was jemand geprüft hat, und es ist immer eine engere Aussage, als der Name vermuten lässt. Die Siegel auf dieser Achse beantworten verschiedene Fragen: Woher kommt die Faser, was steckt chemisch im fertigen Teil, unter welchen Bedingungen wurde genäht, wie viel Rezyklat ist enthalten. Keines beantwortet alle.
Ein Eintrag auf dieser Achse heißt: Für diesen Anbieter ist dieses Zertifikat dokumentiert, mit Quelle oder dem Vermerk „ohne Beleg“. Er heißt nicht, dass jedes Teil, das von dort kommt, unter das Zertifikat fällt. Das ist keine Spitzfindigkeit. Es ist die Verwechslung, die in diesem Feld am meisten kostet. Prüf deshalb vor der Bestellung, ob das Zertifikat für genau die Ware gilt, die du kaufst.
Welche Frage du hast, welches Siegel passt
Such dir zuerst die Frage aus, die du beantworten musst. Willst du wissen, ob die Naturfaser aus kontrolliert biologischem Anbau stammt, ist das GOTS. Geht es darum, ob das fertige Textil auf Schadstoffe geprüft wurde, ist es OEKO-TEX Standard 100. Soll ein bestimmter Anteil aus recyceltem Material belegt sein, brauchst du den Global Recycled Standard. Und willst du wissen, wie eine Marke mit ihren Nähereien arbeitet, führt der Weg zur Fair Wear Foundation. Was ein Siegel nicht beantwortet, bleibt offen, und dafür brauchst du ein anderes.
Bei GOTS und dem Global Recycled Standard gibt es zwei Nachweise, die gern verwechselt werden. Das Scope-Zertifikat sagt dir, was ein Unternehmen grundsätzlich mit zertifizierter Ware machen darf. Das Transaktionszertifikat gehört zu einer einzelnen Lieferung und belegt, dass deine Ware tatsächlich unter dem Standard gelaufen ist. Willst du gegenüber deinen eigenen Kunden mit GOTS oder dem Global Recycled Standard arbeiten, frag den Anbieter namentlich nach dem Transaktionszertifikat für deine Bestellung. Ein Scope-Zertifikat allein beweist das nicht.
OEKO-TEX Standard 100 ist das Siegel für das fertige Teil. Es prüft auf Schadstoffe und sagt nichts über Anbau, Rezyklat oder die Näherei. Ist dir die Schadstoffprüfung wichtig, lass dir bei einer konkreten Ware das Zertifikat mit der Nummer geben und prüf, für welches Produkt es gilt.
Die Fair Wear Foundation funktioniert anders. Sie hängt an der Marke, nicht am einzelnen Teil. Geprüft wird, wie ein Mitgliedsunternehmen mit seinen Nähereien umgeht, und vor allem, was es tut, wenn ein Audit etwas findet. Auf dem Shirt selbst steht das nicht. Verwertbar ist es trotzdem, denn es sagt etwas über die Blankware-Marke aus, die ein Anbieter einsetzt, und diese Marke steht in aller Regel im Angebot. Schau dort nach, welche Marke das ist, bevor du Arbeitsbedingungen in deiner Kommunikation erwähnst.
Die Lücke sitzt zwischen Textil und Veredelung. Ein zertifiziertes Shirt bleibt nur dann zertifiziert, wenn auch der Druck den Anforderungen des Standards genügt; GOTS führt dafür eigene Vorgaben für Farben und Hilfsmittel. Wird mit einer beliebigen Farbe gedruckt, gilt das Zertifikat weiter für die Blankware, aber nicht mehr für das fertige Teil, das du verkaufst. Genau hier fällt eine Beschaffung unbemerkt auseinander: eingekauft wird zertifiziert, ausgeliefert wird es nicht mehr. Frag deshalb nicht nur nach dem Shirt, sondern auch danach, ob Druckverfahren und Farben unter das Zertifikat fallen.
Zwei weitere Nachweise tauchen in Angeboten auf und werden leicht mit Produktsiegeln verwechselt. BCI Cotton (früher Better Cotton) betrifft den Anbau konventioneller Baumwolle. Ob davon etwas in deinem Shirt steckt, hängt davon ab, ob die Baumwolle rückverfolgbar oder per Massenbilanz eingekauft wurde; ein BCI-Label auf dem Teil setzt mindestens 30 % rückverfolgbare BCI Cotton voraus. amfori BSCI ist ein Sozialaudit-Programm für Produktionsbetriebe und kein Zertifikat für das Produkt. Frag bei beiden, ob der Anbieter von seinem Einkauf oder Betrieb spricht oder von deiner Ware.
Auf dem Produkt steht „recycelt“. Das heißt noch nicht, dass es komplett aus recyceltem Material besteht. Der Global Recycled Standard belegt den Rezyklatanteil und dass dieser Anteil über die Kette nachweisbar bleibt, also lass dir den Anteil nennen. Über Schadstoffe im fertigen Teil sagt er nichts und auch nichts darüber, ob die Fasern aus biologischem Anbau stammen. Recycelt und biologisch sind zwei verschiedene Aussagen, und bei Polyester fallen sie fast nie zusammen, weil das Material dort häufig aus Flaschen kommt. Brauchst du beides, brauchst du zwei Nachweise.
Häufige Fragen
Reicht es, wenn der Anbieter GOTS-zertifiziert ist?
Für deine eigene Aussage nach außen nicht. Das Zertifikat des Anbieters ist ein Scope-Zertifikat: Es sagt, dass er für bestimmte Tätigkeiten geprüft ist. Ob deine Lieferung tatsächlich darunter gelaufen ist, belegt erst ein Transaktionszertifikat für genau diese Lieferung. Verlange es namentlich, und zwar bevor die Ware läuft.
GOTSWie die Daten entstehenScope-Zertifikat im GlossarTransaktionszertifikat im Glossar
Was muss mir der Anbieter für meine Bestellung zeigen?
Das hängt davon ab, was du nach außen sagen willst. Bei GOTS und dem Global Recycled Standard ist es das Transaktionszertifikat für deine Lieferung. Bei OEKO-TEX Standard 100 ist es das Zertifikat mit Nummer, dazu die Angabe, für welches Produkt es gilt. Bei Fair Wear ist es die Blankware-Marke, die im Angebot steht. Frag das ab, bevor du bestellst, nicht erst bei der Lieferung.
GOTSGlobal Recycled StandardOEKO-TEX Standard 100Fair Wear Foundation
Kann ich mit GOTS werben, wenn nur das Shirt zertifiziert ist?
Für das bedruckte Teil nur, wenn die Veredelung mitzertifiziert ist. GOTS regelt auch die Druckchemie und lässt dafür bestimmte Farben und Hilfsmittel zu. Wird auf zertifizierter Blankware mit einer beliebigen Farbe gedruckt, bleibt das Zertifikat an der Blankware und gilt nicht mehr für das Teil, das du verkaufst. Frag den Anbieter vor der Bestellung, ob Druckverfahren und Farben unter das Zertifikat fallen.
Welche Zertifizierung brauche ich, wenn ich Arbeitsbedingungen belegen möchte?
Fair Wear schaut auf die Marke, GOTS auf die zertifizierten Betriebe. Fair Wear prüft Mitgliedsunternehmen und deren Umgang mit ihren Nähereien, hängt also an der Marke der Blankware, und auf dem einzelnen Teil steht es nicht. GOTS enthält ebenfalls soziale Kriterien und prüft sie in den zertifizierten Betrieben vor Ort. OEKO-TEX Standard 100 hilft hier gar nicht; das Siegel prüft Schadstoffe und trifft über die Produktion keine Aussage. Frag den Anbieter deshalb, welche Blankware-Marke er einsetzt, und prüf, ob sie Mitglied bei Fair Wear ist.
Was bringt mir OEKO-TEX bei meinem Merch überhaupt?
Es zeigt, dass das fertige Textil auf Schadstoffe geprüft wurde. Über Anbau, Rezyklat oder die Arbeitsbedingungen in der Näherei sagt es nichts. Ist dir die Schadstoffprüfung wichtig, ist es das passende Siegel. Lass dir bei einer konkreten Ware das Zertifikat mit Nummer zeigen und prüf, für welches Produkt es gilt.
Ist ein recyceltes Shirt automatisch Bio-Ware?
Nein, das sind zwei verschiedene Aussagen. Der Global Recycled Standard belegt einen Rezyklatanteil und dessen Weg durch die Kette. GOTS belegt biologisch erzeugte Naturfaser. Recyceltes Polyester stammt meist aus Flaschen und wird von GOTS gar nicht erfasst; Bio-Baumwolle wiederum trägt keinen Rezyklatanteil. Brauchst du beide Aussagen, lass dir beide Nachweise zeigen.
Was hat Bio-Baumwolle mit dem GOTS-Zertifikat zu tun?
GOTS bestätigt die biologische Anbaumethode einer konkreten Baumwoll-Lieferung, sagt aber nichts über die Fasermischung des fertigen Textils oder die Bedruckbarkeit. Was Bio-Baumwolle und ein Mischgewebe für Griff, Haltbarkeit und Druckverfahren unterscheidet, steht im Ratgeber dazu.
Redaktionelle Einordnung, keine Anbieterangabe. Stand 13.10.2026.
